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Zwischen Heiligenschein und Scheiterhaufen – die seherische Veranlagung der Hildegard von Bingen



Es ist ein Glücksfall, dass die seherisch veranlagte Hildegard als Kind des adeligen Ehepaares Hildebert und Mechthild von Bermersheim zu Welt kam. Wäre sie nicht als Angehörige einer Adelsfamilie, sondern als Tochter eines armen Tagelöhners aufgewachsen, hätte dies unter Umständen ein grauenhaftes Ende für das unschuldige Mädchen bedeuten können, denn tiefe Religiosität und krankhafter Aberglaube mit all seinen schrecklichen Folgen lagen im Mittelalter außerordentlich nahe beieinander.


Hildegard schreibt in ihrer Autobiographie über ihre angeborene paranormale Fähigkeit: „Bis zu meinem fünften Lebensjahr sah ich vieles, und manches erzählte ich einfach, so dass die, die es hörten, sich sehr wunderten, woher es käme du von wem es sei.“


Als erster Beweis ihrer präkognitiven Gabe wird gerne folgende Geschichte herangezogen: Das 5jährige Mädchen spazierte mit ihrer Kinderfrau über die Viehweiden vom heimatlichen Bermersheim, als sie vor einer trächtigen Kuh stehen blieb und sagte, dass sie das ungeborene Kalb genau sehen könne. Es habe ein weißes Fell und an der Stirn, am Rücken und an den Beinen dunkle Flecken. Die Amme tat diese Äußerungen nicht als kindliches Geplapper ab, sondern gab es an die Eltern weiter. Bei der gespannt erwarteten Geburt stellte sich die Richtigkeit der Voraussage heraus.


Um dem paranormal veranlagten Mädchen eine gesicherte Überlebenschance zu gewährleisten, wurde sie als Achtjährige am Allerheiligenfest 1106 in der Frauenklause, die an die Benediktinerabtei am Disibodenberg angebaut war, zur weiteren Erziehung der – ebenfalls „hochgeborenen“ Inklusin – Jutta von Sponheim anvertraut. Im behüteten und streng geregelten Alltag erhielt Hildegard eine umfangreiche klösterliche Ausbildung, in dem sie intensiv mit dem „Alten Testament“, den Evangelien, der „Geheimen Offenbarung“ von Johannes Patmos, dem Singen der Psalmen und der lateinischen Sprache in Wort und Schrift geschult wurde.


Auch ihre hellseherische Gabe entwickelte sich in der Abgeschiedenheit des Benediktinerklosters weiter, wie sie in den autobiographischen Teilen ihres späteren Werkes selbst angibt. Häufiger noch als in ihrer frühen Kindheit erschien ihr jenes „Licht“, das in ihren Visionen zeitlebens eine so große Rolle spielen sollte. Auf ihr Alter mit 15 Jahren bezogen, schrieb sie: „Wenn ich von dieser Schau ganz durchdrungen war, sprach ich vieles, was denen, die es hörten, fremd war. Ließ aber die Gewalt der Schau ein wenig nach, in der ich mich mehr wie ein kleines Kind als nach den Jahren meines Alters verhielt, so schämte ich mich sehr, weinte oft und hätte häufig lieber geschwiegen, wenn es mir möglich gewesen wäre.“


Als Jutta starb, wählten die anderen Mädchen 1136 Hildegard einstimmig zu ihrer Nachfolgerin. Die nunmehr 38jährige Sensitive zögerte lange, bevor sie das Amt annahm, schließlich litt sie häufig an Krankheiten. Hinzu kamen ihre Visionen, die oft unter heftigen Schmerzen immer öfter und intensiver auf sie einstürmten, vor allem, wenn sie sich weigerte ihre Schau niederzuschreiben: „Ich weigerte mich zu schreiben. Nicht aus Hartnäckigkeit, sondern aus dem Empfinden meiner Unfähigkeit, wegen der Zweifelsucht, des Achselzuckens und des mannigfachen Geredes der Menschen, bis Gottes Geißel mich auf das Krankenlager warf.“


Vier Jahre später erreichte Hildegard ihre volle prophetische Reife. Die erschütternde Vision schildert sie mit folgenden Worten: „Das Licht, das ich schaute, ist nicht an den Raum gebunden. Es ist viel lichter als eine Wolke, die die Sonne in sich trägt. Weder Höhe noch Länge noch Breite vermag ich zu erkennen. Es wird mir als der `Schatten des lebendigen Lichts´ bezeichnet. Und wie Sonne, Mond und Sterne im Wasser sich spiegeln, so leuchten mir Schriften, Reden, Kräfte und gewisse Werke des Menschen in ihm auf.“


Hildegard litt unter ständig wiederkehrenden Zweifeln an ihrer Berufung als Prophetin und richtete deshalb 1146 an Bernhard von Clairvaux, damals die wichtigste kirchliche Autorität, einen schicksalswendenden Brief. Sein Urteil über ihre Gabe prägte Hildegards weiteres Leben.


Die rheinische Seherin der Stauferzeit konnte in dieser Epoche ihr bemerkenswertes visionäres Talent nur deshalb voll entfalten, weil sie von allem Anfang an das ideale Umfeld dafür hatte. Ehe sie ins Kloster Disibodenberg kam, wurde sie bereits von ihren adeligen Eltern gefördert und geschützt. Auch die Klausnerin Jutta von Sponheim hat dem mentalen Weiterkommen ihrer Novizin nichts in den Weg gelegt. Nur mit dem Glück, in den prägendsten Zeiten Hilfe und Unterstützung von anderen erhalten zu haben, vermochte Hildegard von Bingen ihr Werk zu schaffen und konnte als herausragende Visionärin des Mittelalters in die Geschichte eingehen.



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